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„Chancen und Grenzen nachhaltiger
Ernährungsstile heute“
Dr. Karl-Michael Brunner
Institut für Allgemeine Soziologie und Wirtschaftssoziologie
Wirtschaftsuniversität Wien

Im Zusammenhang mit der Frage der (Nicht)Nachhaltigkeit
gegenwärtiger Gesellschaften ist oft von notwendigen Änderungen
in Richtung nachhaltigerer Konsum- und Ernährungsstile
die Rede. Betrachtet man auf das Konsumfeld Ernährung
bezogene Nachhaltigkeitskonzepte und -strategien, dann fällt
auf, dass Nachhaltigkeit meist weiterhin mit Ökologie
gleichgesetzt wird und Veränderungsnotwendigkeiten hoch
normativ und appellativ im Sinne von „Wir alle müssten/sollten
unseren Lebens-/Ernährungsstil ändern“ formuliert
werden. Soziale, kulturelle und ökonomische Dimensionen
von Ernährungspraktiken werden ebenso ausgeblendet wie
die Vielfalt an Lebensformen und -stilen in unserer Gesellschaft
und die Handlungsmöglichkeiten und –barrieren
der Menschen. Soll der Nachhaltigkeitsanspruch ernst genommen
werden und sollen Veränderungspotentiale realistisch
ausgelotet werden, dann erscheint es notwendig, Ernährung
als soziale und kulturelle Praxis stärker zu betonen,
die vielfältigen Funktionen von Ernährung ernst
zu nehmen und die Einbettung von Ernährungspraktiken
in die alltägliche Lebensführung und sich wandelnde
gesellschaftliche Rahmenbedingungen zu thematisieren. Zwar
versuchen bereits viele Menschen aus verschiedensten Gründen
Fragmente einer nachhaltigeren Ernährung zu praktizieren
und in ihre kulinarische Praxis zu integrieren, jedoch geschieht
dies meist vor dem Hintergrund vielfältiger Kompromissbildungen.
Die Rede von nachhaltigen Ernährungsstilen verdeckt,
dass es selten kohärente Muster einer nachhaltigen Ernährung
gibt. Chancen und Grenzen nachhaltigerer Ernährungsstile
abzuwägen erfordert, Entwicklungstrends des gegenwärtigen
Ernährungssystems ebenso zu untersuchen wie die alltäglichen
Ernährungspraktiken der Menschen im Spannungsfeld von
Beruf, Freizeit, Haushalt und der alltäglichen Lebensführung.
Bezugnehmend auf Ergebnisse der sozialwissenschaftlichen
Nachhaltigkeits- und Ernährungsforschung und ersten
Eindrücken aus eigenen laufenden Studien zu Nachhaltigkeitspotentialen
von Ernährungspraktiken unterschiedlicher sozialer Milieus
wird im Vortrag thematisiert, welche Möglichkeiten zu
mehr Nachhaltigkeit im Ernährungshandeln bestehen, vor
dem Hintergrund der Entwicklungstrends im Ernährungssystem
und makrostruktureller Entwicklungen (z.B. Individualisierung,
Flexibilisierung der Arbeit).

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