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Komplexe Qualitätsprofile
erfolgreich kommunizieren
Toralf Richter
Forschungsinstitut für biologischen Landbau, Frick (Schweiz)

Preise werden heute stärker beworben und sind für
Konsumenten leichter zu erkennen als Qualität
Die Qualität eines Lebensmittels hat sich für die
Mehrheit der Konsumenten zu einer diffusen Masse komplexer
Wahrnehmungen entwickelt. Sie ist für den ungeübten
Laien bis auf wenige, einfach erkennbare Parameter, wie der
optische Eindruck oder das MHD, Qualität schwer identifizierbar
und vor allem in einer Welt an Marken, Geschmacksverstärkern
und ähnlich aussehender Labelprogramme (mit fast identischen
Qualitätsversprechungen) kaum noch vergleichbar. Die
Konsumenten sind deshalb heute eher in der Lage, Preise als
Qualitäten miteinander zu vergleichen und orientieren
sich folgerichtig an preisgünstigen Angeboten für
Produktqualitäten, die ihnen ausreichend hoch erscheinen.
Wie die Qualität erscheint, hängt maßgeblich
davon ab, welches Qualitätsimage ein Produkt / eine
Marke aussendet. Dies wiederum hängt maßgeblich
von objektiven Testurteilen einzelner Produkte mit Signalwirkung
ab (z.B. Stiftung Warentest; Öko-Test) sowie vom Testurteil
von Nachbarn, Freunden, usw.. Nicht umsonst wird ein Unternehmen
wie Aldi immer mehr zur Volkseinkaufsstätte, da günstige
Preise hier mit einem Qualitätsbonus der Produkte in
den Augen der Konsumenten gekoppelt sind.
Auch im Bereich ökologisch erzeugter Lebensmittel gelten
die gleichen Grundregeln der Konsumentenpsychologie. Je weniger
sich Biomarke A von Biomarkt B abheben kann, umso mehr spielt
der günstigste Preis die Hauptrolle bei der Wahl des
Bioprodukts und seiner Einkaufsstätte. Die zunehmende
Preisorientierung der Biokonsumenten birgt die Gefahr, dass
die Produzenten mit den geringsten Produktionsstandards und
korrespondierend dazu mit den geringsten Kosten (z.B. ein
5.000 ha Betrieb in der Ukraine mit 10 ha Ökofläche
mit Angestelltenlöhnen zwischen 20 – 50 Euro im
Monat und einem deutschen Biosiegel), die etablierten Qualitätsanbieter
vom Markt drängen können. Es lauert zudem eine
weitere Gefahr des Verlusts einer ubiquitären Marktpositionierung
der Bioprodukte als einzige Kompetenzware ökologisch
höchster Qualitätsstandards. Dies umso mehr, je
schneller der Prozess der allgemeinen Ökologisierung
der konventionellen Landwirtschaft voranschreitet (wie in
der Schweiz seit 5 Jahren gefördert durch die Agrarpolitik
oder der Entwicklung konventioneller Fleischprogramme von
Handelsketten, die in einzelnen Punkten der Tierhaltungsrichtlinien
strenger als Biorichtlinien sind).
Defizite in der Entwicklung ganzheitlicher
Qualitätskonzepte
Während bisher bei den etablierten Anbietern von Ökoware
immer weiter an der Produktqualität gefeilt wurde, um
Bioprodukte einem Mainstream-Publikum attraktiv zu machen,
ist dies bei der Weiterentwicklung der ökologischen
und sozialen Qualität in der Herstellung von Bioprodukten
nicht in gleicher Dynamik erfolgt. Während das Mainstreampublikum
nur selten und unregelmäßig Bioprodukte kauft
und deshalb vom Kaufvolumen eher eine Randgruppe des Biokonsums
darstellt, sind immer noch wenige ökologisch und sozial
orientierte Einstellungstäter unter den Konsumenten
verantwortlich für den Großteil der Bionachfrage.
Die Erfordernisse und Ansprüche an die Qualität
eines Produktes sind abhängig von einzelnen Nutzergruppen
und dem Verwendungszweck der Produkte. Besonders regelmäßige
Käufer von Bioprodukten sind besonders kritisch hinsichtlich ökologischer
und sozialer Qualitätsstandards. Tiefeninterviews mit
Konsumenten haben gezeigt, dass vor allem regelmäßige
Käufer von Bioprodukten häufig mehr als das Erfüllen
bestehender Biostandards erwarten, z.B. hinsichtlich ökologischer
und sozialer Richtlinien hinter der Erzeugung und Verarbeitung
(wie z.B. eine weitgehend regionale Erzeugung und Verarbeitung
der Produkte, faire Anstellungsverhältnisse auf Betrieben
und ein Fair Trade, welches die einheimische Erzeugung mit
einschlisst). Dieser Erwartung können jedoch viele Bioprodukte
heute (noch) nicht oder nicht mehr stand halten. Vor allem
Konsumenten in Ballungsräumen, die für den Großteil
des Konsums von Bioprodukten verantwortlich sind, positionieren
häufig den Biolandbau in eine illusorischen Welt ökologischer
und sozialer Gerechtigkeit. Da der Kauf von Bioprodukten
aber vor allem eine Vertrauens- und Glaubensfrage ist, könnte
das Hervorholen (Veröffentlichen) „Ökologischer
und Sozialer Leichen aus dem Biokeller“ Bioprodukte
und den Biolandbau bei dieser Käufergruppe global deutliche
Imageschäden zuführen.
Welche Qualitätsdimensionen gibt es jenseits der klassischen
Produktqualität?
Die Frage ist deshalb, wie den Begriff Qualität für
Bioanbieter weiterentwickeln zu einem ganzheitlichen Konzept,
welches die Erwartungen der regelmäßigen Biokäufer
trifft. Wo liegen die Stellschrauben für eine Qualitätsweiterentwicklung
im ganzheitlichen Sinne für Bioanbieter?
- Produktqualität (z.B. Erhöhung des Anteils
positiver sekundärer Inhaltsstoffe, Rückstandsminimumgarantie,
Sensorische Exzellenz, Vitalqualität, ...)
- Ökologische Qualität (Effizienterer Ressourcenverbrauch
in Produktion, Verarbeitung und beim Transport hinsichtlich
stofflicher und energetischer Ströme, Limits bei Food
Miles, ...)
- Soziale Qualität (Faire Anstellungsbedingungen der
Mitarbeiter, gerechte Bezahlung, keine Kinderarbeit, keine
Schwarzarbeit, ...).
Heute streben viele Erzeuger, Verarbeiter und Händler,
die Bio-Produkte in den Verkehr bringen, bereits hohe Qualitätsstandards
an. So gibt es Firmen und Supermarktketten, die bewusst auf
Flugimporte von Bio-Lebensmitteln verzichten (z.B. die Schweizer
Supermarktketten COOP und Migros) oder bevorzugt regionale
Bio-Produkte anbieten (Tegut, Feneberg). Die deutsche Supermarktkette
Feneberg aus dem Allgäu wirbt z.B. mit ihrer Bio-Regionalmarke „Von
hier“, bei der alle Zutaten aus einem Umkreis von maximal
100 km um Kempten stammen. Die Schweizer Handelskette COOP
verkauft zudem seit einem Jahr viele Bioprodukte von alten
und gefährdeten Rassen und Sorten und fördert damit
deren Erhaltung. Das deutsche Unternehmen Life Food konzentriert
sich in der Verarbeitung von Bio-Soja zu Tofu auf heimisches
Soja und möchte damit die regionalen Bio-Sojaproduzenten
explizit fördern. Wenn Ware aus Übersee bezogen
wird, dann ausschließlich aus Fair Trade Projekten.
Die beschriebenen Ansätze sind in der Lage ein breites
Spektrum an Konsumentenwünschen und Erwartungen an die
Erzeugung, die Verarbeitung und den Handel von Bioprodukten
zufrieden zu stellen. Sie führen dazu, dass der Ausstoß klimarelevanter
Gase beim Transport reduziert wird, die Artenvielfalt oder
der heimische ökologische Landbau gefördert wird,
sie unterstützen eine gerechte Behandlung und Anstellung
der Arbeiter und Angestellten in ihren eigenen Ländern
und fördern somit auch die Verbesserung der Lebens-Qualität
durch gesunde Waren und eine Erhöhung der Attraktivität
des Biosektors insgesamt.
Qualitätsunterschiede müssen
bewertet und kommuniziert werden
Konsumenten erkennen die Unterschiede dieser meist nicht
sichtbaren Qualitätsmerkmale in der Erzeugung und Verarbeitung
aufgrund fehlender oder mangelhafter Kommunikation häufig
nicht. Wenn derartige Kommunikationsmittel angeboten werden,
wie z.B. bei Produktevaluationen von Öko-Test hat die
Kommunikation ökologischer Qualitätsmerkmale nachweislich
eine kauflenkende Wirkung.
Bisher fehlt weitgehend ein merkmals-, produkt- und unternehmensübergreifendes
Bewertungs- und Kommunikationssystem für die verschiedenen
Dimensionen von Qualität bei Bioprodukten.
Die Entwicklung eines Systems zur Erfassung, Kommunikation
und Kontrolle verschiedener Qualitätsdimensionen ökologisch
erzeugter Produkte ist deshalb wichtig, um:
- die Transparenz über die Qualität und die
verschiedenen Richtlinien bei Weiterverarbeitern, Händlern
und Konsumenten zu schaffen und damit Mehrwerte sichtbar
und Mehrpreise begründbar
zu machen,
- die Qualität der ökologischen Produktion und
der Produkte langfristig zu erhöhen (Lenkungswirkung
aufgrund erhöhter Transparenz),
- „Schwarze Schafe“ im Biosektor leichter zu
identifizieren,
- Risiken und „tickende Zeitbomben“ rechtzeitig
zu erkennen, bevor Skandale entstehen,
- zielgruppengerecht, die Richtlinien des ökologischen
Landbaus weiter zu entwickeln.
Ein transparentes Kommunikationssystem über die Vielfalt
der in einem Bioprodukt enthaltenen zusätzlichen ökologischen,
sozialen und qualitativen Leistungen hätte eine Lenkungs-
und Preisdifferenzierungsfunktion bei Verarbeitern, Großhändlern
und Supermarktketten zur Folge. Es ist entscheidend, ein
derartiges System nicht nur auf einer Vermarktungsstufe,
sondern entlang der gesamten Wertschöpfungskette zu
etablieren. In Gesprächen mit mehreren im Biobereich
engagierten Verarbeitern, Großhändlern und Supermarktketten
wurde der Bedarf nach solch einem System deutlich. Mit der
Einführung eines Klassifizierungssystems würden
Unternehmen, die branchenübliche Mindeststandards nicht
einhalten, von den Weiterverarbeitern und Händlern möglicherweise,
nicht mehr gelistet. Dies würde tendenziell die Qualität
angebotener Bioprodukte und die Sicherheit innerhalb des
Bio-Sektors erhöhen.
Deshalb wünschen sich viele Marktakteure im Biobereich
eine klare Kennzeichnung und möglichst große Sicherheit
der Produkte. So sieht die Life Food GmbH in einem System
zur einfachen Kommunikation komplexer Qualitätsmerkmale
z.B. die Chance, bereits bestehende Ansätze zu Lieferantenbewertung
(Regionalität, Rückverfolgbarkeit, Fair-Trade),
zur Qualitätsproduktion und Kundenkommunikation zusammenzuführen
und zu vereinheitlichen. Systeme der Lieferantenbewertung
werden ebenfalls von der Firma Weiling (Naturkostgroßhandel)
sowie die holländische Firma EOSTA bereits praktiziert.
Aktionsplan hin zu mehr Qualität
im Biolandbau
Das Thema Qualitätsbewertung und Qualitätskommunikation
ist ebenso komplex wie Qualität selbst und deshalb schwer,
einfach und verständlich dem Konsumenten verständlich
zu machen.
- Langfristige Perspektiven
Langfristig werden nationale und internationale Systeme
der Vergleichbarkeit von ganzheitlichen Qualitätsstandards
für die Erzeugung und Verarbeitung von Nahrungsmitteln
allgemein entwickelt werden. Hier wird das Einhalten von
Biorichtlinien wahrscheinlich nur eines von mehreren Leistungsmerkmalen
hinsichtlich der ökologischen Qualität sein.
- Mittelfristige Perspektiven
Mittelfristig werden immer mehr Hersteller, Verarbeiter
und Händler von Bioprodukten eigene ganzheitliche Qualitätssicherungssysteme
zur Selbstverpflichtung entwickeln oder dies in einem Verbund
gleichgesinnter Unternehmen tun (z.B. EUREPGAP für
den Obst-, Gemüse- und Zierpflanzenanbau).
- Kurzfristige Perspektiven
Der kurzfristig einfachste Weg der Kommunikation einzelner
Unternehmen ist:
- ein Aufstellen von Indikatoren und Limiten zur
ganzheitlichen Qualitätsbewertung und -sicherung
entlang der Wertschöpfungskette,
- ein Absichern dieser Standards über die gesamte Wertschöpfungskette über
rechtliche Vereinbarungen mit den Lieferanten,
- eine starke öffentliche Kommunikation derartiger Vorzeigeprojekte
(die heute noch Pioniercharakter und damit einen hohen Neuigkeitswert
für die Öffentlichkeit haben; siehe Bsp.
EOSTA),
- die öffentlichkeitswirksame materielle oder ideelle
Unterstützung von Projekten, die sich der ganzheitlichen
Qualitätsverbesserung annehmen,
- die Beteiligung an öffentlichen und politischen
Diskursen zu diesem Thema.

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