Sind wir noch von dieser Welt?

Ein Blick zurück könnte den Eindruck vermitteln, dass mit Verbesserung der analytischen Möglichkeiten das Leben immer gefährlicher geworden ist. Das gilt besonders für Lebensmittel, weil diese ja verzehrt werden, direkt in uns hineingelangen. Nicht nur die künstlichen, fremden Stoffe werden in der Lebenswelt als Rückstände gefunden. Neben den bekannten Giften tauchen immer mehr natürliche Stoffe auf, die bei selektiver Betrachtung und ohne Berücksichtigung der langjährigen Verzehrnormalität nun als gesundheitlich riskant bewertet werden. Das natürliche Lebensmittel wird zur Gefahr umgedeutet und das verunsichert, verwirrt die Menschen, die häufig nicht mehr differenziert bewerten können. Es wird so ein Sicherheitsbedürfnis herbeigeredet, das aus Risikokontrolle eine Sicherheitsdiktatur entwickelt, die alle anderen Qualitätsaspekte negiert.

Was ist Lebensmittelqualität?

Die Lebensgrundlage natürlicher Lebensmittel wird zum Risiko. Das führt zu der Frage: „Sind wir noch von dieser Welt, sind wir noch bei Trost“? Es geht um Essen und Trinken, um Ernährung aus den Möglichkeiten der Natur. Diese ist ein analoges System hoher Komplexität – vor der Ernte kommt die Aussaat und zwischendurch kann viel geschehen. Der Mensch hat sich evolutionär in diesem System entwickelt und gehört dazu. Die Natur ernährt also auch den Menschen, solange man sie kennt, richtig versteht und angemessen mit ihr umgeht.

Aus der Sicht der ökologischen Erzeugung und der Lebensmittelherstellung gehören zur Lebensmittelqualität:

– die Ökologie, die Biodiversität und Rohstoffvielfalt, sowie die Nachhaltigkeit mit Achtung auf Regeneration der Naturgrundlage und Ressourcenschonung

– Verträglichkeit und Sicherheit der Lebensmittel und deren Herstellung, genauso gehören dazu Nähr- und Genusswert; Geschmack ist ein Teil von Qualität

– natürliche Rohstoffe und wertschonende Verarbeitung unter Einbeziehung der technologischen Entwicklung

– das Auswahlrecht und die Auswahlmöglichkeit für die Verbraucher, wie für die unternehmerische Idee

– die Teilhabe der Rohstofferzeuger an der Wertschöpfung, der gerechte Produktpreis, welcher den höheren Sozial- und Nachhaltigkeitsnutzen würdigt

– das Bekenntnis zur Verantwortlichkeit

Diese Gesamtschau stellt erkennbar die Lebensmittelqualität mit allen Facetten in die Lebensqualität überhaupt und betrachtet Lebensmittelsicherheit als einen Teilaspekt von Qualität. So ist zu fragen, von welcher Relevanz für das Alltagsleben aufbrechende Sicherheitsdiskussionen sind, inwieweit entstehende Neurotik die Klarheit überspielt. Schlagzeilen wie „Acrylamid – Tod im Brot“, „Zimt- Tod im Weihnachtskeks“, „PA (Pyrrolizidinalkaloide) – Tod im Kräutertee“, „TA (Tropanalkaloide) – Tod in der Säuglingsnahrung“  unterstreichen diese Wahrnehmung. Sie zeigen, wohin eine monokausale, mit feinstanalytischen Daten belegte Toxifizierung des Natürlichen führt. Für den Einzelnen scheint sich die Frage zu stellen – wo steht denn der Mensch, wenn das synthetische Lebensmittel aus toxikologischer Bewertung das sicherere Lebensmittel zu sein scheint?

Welche Normalität soll für das Jetzt und die Zukunft gelten, wenn klar ist, dass jedes komplexe natürliche Lebensmittel Stoffe enthält, die nicht oder nicht nur gesund sind?

Dazu gilt es Positionen einzunehmen und Antworten zu finden und zu geben.

Zum Wesen des Menschen selbst

Der Mensch lernt Furcht kennen und entwickelt Sicherheitsbedürfnisse, weil er um seine Verletzbarkeit weiß. Zugleich ist er risikobestimmt und sucht neue Möglichkeiten für sich in der Lebenswelt. Er ist beuteorientiert und bequem, wie die Entwicklung vom Jäger zum Viehhalter zeigt. Der Mensch lebt von der Erde, aus und mit der Natur. Im Verhältnis zu den meisten Lebewesen ist er langlebig, bedroht durch Hygienemängel, Hungers- und Wassernot, Epidemien, Krieg. Das biologische Verhalten ist durch Herde oder Rudel geprägt mit Kommunikation und Hierarchie, sinnlichem Empfinden und Ausstrahlung. Alles dient dem Zweck von besserem Schutz und günstigerer Chance für das Leben.

Zusätzlich zu diesen aufgezeigten biologischen Grundbedingungen kommen kulturell-zivilisatorische Leistungen von Menschen selbst. Da ist das individuelle freiheits- und selbstbestimmte Wesen, das sozial eingehegt ist. Der Mensch ist innovativ, technologisch schöpfend und im hohen Maße organisiert. Aber leben kann er nur mit der Natur und aus dieser, auch bezüglich der Lebensmittel.

Im Rahmen des erwachten politischen und wissenschaftlichen Sicherheitsversprechens, das möglichst jedes Risiko ausschließen und eine Verbraucherschutz-Vollversicherung sein will, werden nun natürliche, normale Lebensmittel des üblichen Gebrauchs als gefährlich -unterschwellig als tödliche Bedrohung – dargestellt.

Das bewirkt vor allem eines: Verunsicherung anstelle Orientierung.

Die Hervorhebung der Sicherheit bietet gerade bei den Lebensmitteln die Gelegenheit zur Profilierung für die offiziellen Sicherheitsgaranten und Schutzversprecher – Politik und Behörden. Doch ist sie Falle und Leimrute zugleich.

Falle für die Hersteller, die wegen der dadurch bedingten Verengung des bekannten Naturnutzens immer geringere Wahlmöglichkeiten bezüglich der Rohstoffe bei zugleich höheren Sicherheitsaufwendungen haben. Leimrute für die Schutzversprecher, weil schon während des Singens von der guten Tat klar wird, dass es so nicht funktioniert.

Angefangen bei der agrarischen Erzeugung im Gemüseanbau mit organischer Düngung und mikrobieller Begleitung, weitergedacht bei der Viehhaltung und der Herdengesundheit, bezüglich natürlicher Kontamination mit Schwermetallen und Dioxinen, wird die magische Zahl der Analytik zum KO-Kriterium. Denn bis zur Größenordnung von 10-15 (Femtogramm = 0,000 000 000 000 001g) kann die Analytik heute Stoffe bestimmen (A. Hänsel, ZLR 4/2016, S. 447-450). Unter diesem Aspekt gibt es nichts, was nicht zugleich theoretisch einen Gesundheitsnachteil hätte. Und überall, wo man etwas „Schlechtes“ findet, da bleibt der Makel der Kontamination – und sei die Zahl auch noch so klein.

Folgt man dem Weg der Sicherheitsaufladung im Lebensmittelbereich weiter, dann wird die Ernährung von der Natur abgespalten.

Denn diese birgt dann Nachteile. Das synthetisch artifizielle Nahrungsmittel aus lauter sicheren Monozutaten scheint als Alternative auf.

So zeigen sich hier Polaritäten und Unvereinbarkeiten, zumindest nicht unbedingt automatisch gleichverträglich, die auf Abwägungsnotwendigkeiten hindeuten. Neben Vorsorge und Verbraucherschutz geht es um Freiheitsmut und zumutbares Restrisiko. In vollverwalteter Langeweile sterben zu müssen ist doch kein realistisches Lebensziel als Gesellschaft.

Wir müssen erkennen, dass jetzt 7 Milliarden und mittelfristig 10 Milliarden Menschen zu ernähren sind. Um Verbrauch und Lebensmittelverfügbarkeit gilt es sich zu kümmern, zugleich um die Minimierung von Rohstoff- und Lebensmittelverlusten. Das Herbeireden von toxischen Risiken durch Lebensmittel, ohne die notwendigen Abwägungsprozesse zu vollziehen, führt zu größeren Verlusten. Die Rohstoffe werden über die Diktatur der kleinsten Zahl als Folge der toxikologischen Analytik durch diese herrschende Wissenschaft entwertet. Ein prinzipielles Versprechen des Gefährdungsausschlusses kollidiert automatisch mit einem realistischen Sicherheitsverständnis von Lebensmitteln. Bezieht man sekundäre Pflanzenstoffe und dazu noch Einzelsubstanzen bei ätherischen Ölen unter Vernachlässigung der langjährigen gefährdungsarmen Verwendung mit ein, gerät die Natur als nährende Grundlage an den Rand und das Erfahrungswissen ins Abseits. Die Eigenbewertungsfähigkeit der Verbraucher geht verloren, die Auswahlmöglichkeiten der Lebensmittelhersteller werden bei sicherheitsbedingter Verknappung der Rohstoffe gering.

Zum Umgang mit der Lebensgrundlage Ernährung

Betrachtet man die aktuelle Entwicklung im Thema Ernährung aufmerksam, so fällt auf, dass zunehmend teilkundige Sachverständige ins Bild drängen, die vermeintlich ganz genau wissen, worum es geht. Es betrifft angeblich unentwegt stattfindende Sicherheitsverluste, ob vorsätzlich, unbewusst oder unbekannt ist zudem nicht bedeutsam, und es werden Warnungen vor den Gefahren wie nachfolgend beschrieben formuliert und unter die Menschen gebracht. Dies ist eingebettet in eine partiell schon diktatorisch auftretende Vorgabe zum individuellen Gesundheitsverhalten.

Es wird auch im Lebensmittelsektor der systemischen Toxifizierung das Wort geredet und dies den Menschen versucht einzureden, anstelle bei nachlassendem Lebensmittelwissen, wie es zweifellos zur zivilisatorischen Entwicklung unserer Gesellschaft gehört, gute Aufklärung zu betreiben. Dies bedeutete nämlich, den weiten Horizont der Möglichkeiten zu beschreiben mit den innewohnenden Ausgleichsmöglichkeiten, das  Modell von Maß und Mitte bei der Ernährung zu lernen, die Auswahl unter den Qualitäten, die Beziehung zwischen Preis und Qualität beim Lebensmittel, den Unterschied zwischen nachhaltig und nicht nachhaltig, die Hygiene. Nein – wichtiger erscheint es, den Menschen Angst einzuflößen, vor allem vor den unbekannten Gefahren und den „vertuschten“ Gefahren durch die Erzeuger und Hersteller.

Ursprünglich geht es bei Lebensmitteln jeder Art abhängig von deren Charakteristik um die gute Hygiene, die richtige Bearbeitung und Zubereitung / Herstellungstechnologie. Rohstoffernte, Lagerung und technologische Voraussetzungen sind ebenso entscheidend wie die gekonnte Logistik zu diesen Bedingungen. Und an Anfang wurde gelernt, was verzehrfähig ist, welche Lebensmittel zum mengenmäßigen Verzehr geeignet sind, welche nur eine adjuvante Rolle spielen z.B. Gewürze, welche Produkte bei richtigem Gebrauch hinreichend sicher sind und daneben gibt es lebensgefährliche Rohstoffe, weil diese tödlich verletzende Gifte enthalten.

Zu Letzteren gehören neben klassische Giftpilzen, die früher als Mordinstrumente verwendeten Giftpflanzen wie Eisenhut, Schierling und auch medizinisch Genutzte, wie Fingerhut oder Tollkirsche. Hygienebedingt gefährlich sind bakterielle und bestimmte Schimmelpilzgifte, als Beispiele seien genannt, EHEC, Salmonellen, Listerien, Aspergillus flavus oder als Restrisiko bei schlechter Reinigung des Getreides das Mutterkorn.

Weil die gebräuchlichen ubiquitären künstlichen Pestizide wie Glyphosat und Weitere sicherheitsbezogen günstig bewertet wurden, hält man diese dagegen für normal. Dioxin und andere Stoffe sind eben da und sollten vermieden werden, denn sie haben große Schäden an Menschen angerichtet. Aber man kommt nicht um diese herum.

Mit umso größerer Robustheit kümmert man sich nun um natürliche Lebensmittel, die zutreffend auch schädliche Stoffe aus dem Sekundärstoffwechsel der Pflanzen enthalten, wie Pyrrolizidinalkaloide (PA) oder Tropanalkaloide (TA). Es darf darauf gewartet werden, bis ein Nächstschlauer über die große Gefahr des Solanin aus Kartoffeln oder Tomaten hinweist.

Schließlich sind seit ca. 2005 die Gewürze an der Reihe der öffentlichen Diskriminierung, ob es nun Zimt (Cumarin), Basilikum und Fenchel (Estragol), Salbei (Thujon), Minze (Pulegon) oder Muskat ist.

Neu ist der Reis in diesem Konzert der gefühlten toxischen Krise der Lebensmittel, insbesondere der Reis ökologischer Herkunft. Denn es wurde Arsen darin gefunden, da Reis im Wasser wachst und Arsen aus der Bodenlösung verfügbar wird. Da stellt sich doch die Frage: Wie lange wird Reis schon als Grundnahrungsmittel verzehrt? Wo vermehren sich die Menschen zahlreicher? In China, Indien, Italien, Frankreich oder in Deutschland? Die Antwort gibt sich jeder selbst ohne sich Sorgfaltsmängel unterstellen zu müssen. Gefährlich ist es, weil es jetzt gemessen wurde. Es ist aber recht wahrscheinlich schon immer da gewesen, das relative Arsenproblem. Es geht auch keinesfalls darum, nicht hinsehen zu dürfen. Die Frage ist, welcher Lärm um wie viel und um was geschlagen wird. Es wurde zumindest erreicht, dass Hersteller beginnen davon abzusehen, reisbasierte ökologische Säuglings- und Kleinkindernahrung herzustellen – ein Fortschritt?

Aus der schier „unbegrenzbaren“ Gesundheitsanmaßung offizieller und halboffizieller Institutionen und deren Vertretern wird nun das kalorisch nutritive Ernährungsumfeld toxifiziert, um es dem Nudging der Politik zur politisch vorgesehenen guten Ernährung zu öffnen. Ungeschützt stehen im Raum Zucker, Salz, Fett, Fleisch, Weizen, Gluten und auf Zuwachs wird gewartet.

Lebensmittel sind nicht schlecht. Der Mix derselben ist gegebenenfalls ungünstig und dies gilt es für den Alltag zu lernen und zu beherrschen.

Stattdessen formuliert sich eine vorauseilende hysterische Aufladung des Informationsraumes zu Lebensmitteln und deren angeblicher Sicherheitsmängel, die zu Orientierungslosigkeit oder Gleichgültigkeit führen. Und wenn dies alles nichts nützt, dann greift die deutsche Schuld- und Strafgesellschaft. Sie setzt Verbote dessen, was gerade einmal bis wenige Jahre zuvor den Menschen die Energie für Arbeit und Denken zugeführt hat.

Die andere neue Welt: Digitalisierung und Urteilsfähigkeit

Es ist etwas geschehen. Es prägt uns nicht mehr die Evolution mit ihren natürlichen Zusammenhängen und unserer Gebundenheit darin. Wir sind mental und vermeintlich auch real aus der Natur ausgewandert, wir machen jetzt selbst unser Ding und dies so wie es uns gefällt.

Überleben war gestern, heute wird konsumiert im „Zeitalter des Konsumismus“. Dazu werden wir von Politik und Wirtschaft aufgefordert, nach vorne zu konsumieren – das bedeutet zusätzlich zu dem, was man braucht. Wichtig ist gleichermaßen, dass dies effizient erzeugt wurde, also auch mit möglichst wenig Menschenbeteiligung, weil das die Kosten treibt. Der zuwachsenden Bequemlichkeit dienen die Dinge, Genuss und Spaß treten an die Stelle von selbst mit Hand und Kopf Erzeugtem.

Der vereinzelte Mensch hat niemanden für Erzählgeschichten außer sich selbst, geht dafür zu Events und lässt sich von modernen Geräten zur Genussorganisation in die emotionale Fernversorgung geleiten.

Diese Fortschrittsentwicklung ist stark und führt zu einer außergewöhnlichen Veränderungsbeschleunigung von Familie, Sozialgesellschaft und Arbeit. Die Bindungskraft an diese prägenden Faktoren lässt nach, man entfremdet sich vom langjährigen Erkenntnisumfang der vorausgehenden Gesellschaft und orientiert sich an den kurzlebigen Wahrheiten der Jetztzeit.

Die Loslösung vom bisherigen Sozialverbund hat sehr viel mit der Veränderung der geltenden natürlichen Normalität zu tun. Denn mit der Abkoppelung von nahen Menschen und deren Erfahrungen, die man früher mit diesen eben dialogisch-kontrovers diskutierend überprüft hatte, sinkt die Vertrauenstiefe in die Fähigkeit zum eigenen Urteil.

Das hat Folgen. Die Verunsicherung steigt und resultierende Unsicherheit bedingt demgegenüber ein stark erhöhtes Sicherheitsbedürfnis der Person. Man will frei von nicht einschätzbaren Risiken sein. Wenn diese von anderen vermeintlich Kundigeren formuliert werden, so glaubt man es gerne. Noch besser ist, wenn versprochen wird, diese Risiken aus dem Weg zu räumen. Und in diese Sicherheitsrisiken ordnet man jetzt auch langjährig als verzehrsicher geltende Lebensmittel ein. Jeder allgemeine Regelverstoß, die Regelabweichung wird als Bedrohung der Sicherheit apostrophiert, neue Erkenntnisse beinhalten oftmals zuerst auch Infragestellung gewohnter und zudem erlebter Sicherheit.

Und schon bricht Nervosität aus, weil damit die zuständigen wie selbsternannten Sicherheitsgaranten gefährdet sind, die ja Sicherheit versprochen haben. Denunzierung wird zum Modell wie in Nordrhein-Westfalen beim Kontrollbarometer, Zerstörung des Störenfrieds der Sicherheitsruhe, ob Produkt oder Unternehmen, wird zum Maßstab des Handelns, die Tomate in Karottenglas quasi zum ungeheuerlichen Qualitätsmangel.

Die Wirklichkeit? Die Gesellschaft lebt mit zunehmend größerer Ängstigung immer noch sicher. Es wird ohne Zweifel irregeführt und getäuscht, auch massiv fehlerhafte Ware wird kriminell in Verkehr gebracht, ganz wichtig justiziabel verfolgt und geahndet. Die Menschen leben dennoch. Das sollte doch auch positiv stimmen.

Ängstliche sind von der Selbsteinschätzung her betrachtet eher schwach, nervös und brauchen immer Helfer. Wie gut, dass man sich hier unentbehrlich machen kann. Wer dem Schwachen hilft ist ein Guter, wer dem vermeintlich Schwachen hilft, der sollte ihm zeigen, dass er stark genug ist, anstatt diesem die Krücke zu sein, die auch noch den Weg bestimmen will.

Die Sache mit der Freiheit

In der gesamten Gemengelage verschwindet die vielleicht größte Veränderung, die in die moderne Gesellschaft hineinwirkt. Es ist der Zugewinn von Freiheit als Basisqualität der neuen Welt. Doch Freiheit ist kein Spielplatz des unbeschwerten Glücks, denn sie ist auch anstrengend und riskant.

Im Sinn der negativen Freiheit gibt es den Vorteil des „Befreitseins“ von Zwang und Bevormundung. Die positive Freiheit aber fordert eigene Zielsetzungen, eigenverantwortliche Entscheidungen ohne die sichere Prognose des Gelingens, ohne eine Glücksgarantie. Und schließlich gibt es – wie O. Höffe schreibt – den Missbrauch von Freiheit als Kennzeichen der Freiheit (in: Fluch der Freiheit; NZZ; 23.05.2016).

Impulsverstärker der Verunsicherung ist die digitale Welt, in welcher alles gleichzeitig und überall da ist und ungeprüft, ob richtig oder falsch. Das Digitale ist demokratisch – für jeden erreichbar – und bedingt dadurch zugleich die „Selbstaufgabe des Menschen in der Tyrannei der Algorithmen“ (O. Höffe). Neben dem Positiven der digitalen Welt baut sich deren negativer Schatten auf mit Überwachung aus der Kontrolle, Intransparenz der Systeme und Netze, gezielter Zerstörung des Einzelnen wie von Gruppen. Der Shitstorm ist letztlich nichts anderes als ein Pogrom, das klein anfängt. Das Digitale, dieses vermeintlich alles umfassende Prinzip, frisst zum Schluss die Freiheit auf und mündet durch die Nichtlöschbarkeit der Daten oder anders herum durch deren Immerverfügbarkeit ins Nichtvergessen von Schwäche und Schande des Einzelnen. Es fehlt das Humane – Vergessen und Verzeihen.

Und zurückkehrend zum Toxischen im Lebensmittel wird durch die sofort überall gegebene Verfügbarkeit der kleinsten analytischen Zahl diese zum nicht löschbaren Makel, wenn der nachgewiesenen Stofflichkeit kein schadensfreies Risiko zugeordnet werden kann. Von Paracelsus ist die Aussage überliefert, wonach kein Stoff ohne Handicap ist – dosis sola facit veneum – heißt es bei ihm.

Angsterzeugung als Modell

Risiko und Sicherheit sind, wie siamesische Zwillinge, nicht einzeln zu haben. Deshalb ist es auch so gravierend, wenn normale, das Leben begleitende Risiken der gewohnten Lebensmittel auf einmal zur übergroßen, ja schrecklichen Gefahr umbuchstabiert werden. Die Folgen sind Verunsicherung und Angst. Die Angsterzeugung wird zu einer Art Ablasshandel. Es lässt sich Geld damit verdienen und Macht dadurch gewinnen. Macht gewinnen diejenigen, die sich als Retter aus der Gefahr zu erkennen geben. Diese brauchen wiederum das Herbeireden von Angst, um vom unerkannten Brandstifter zur Feuerwehr zu werden. Es ist das Geschäftsmodell der professionellen Negativberichterstatter.

Damit ist es noch nicht ausreichend umschrieben, das Schlechte beim Angstauslösen. Es ist schädlich aus nachfolgenden Gründen. Gerade bei unsicheren Menschen führt Angst zu hartem psychosozialen Stress, der nicht selbst bewältigt werden kann. Er bleibt im Inneren als negative Spannung mit Auswirkung ins Angstzentrum. Weitergedacht ist dies vielleicht schlimmer als die oft vermeintlich schlimme Ursache, schlimmer als Zimt in Zimtsternen zum Beispiel. Durch das Setzen von Gefahrsignalen bei ganz alltäglichen Lebensmitteln werden schwere Krankheiten manifestiert wie die Orthorexie. Hier wird aus den genannten Gründen die Ernährungsauswahl immer enger geschnürt bis das Essen nicht mehr ernährt. Stattdessen führen tief wirkende Nährstoffmängel in schwere Krankheit. Das findet verstärkt in Überflussgesellschaften statt und nicht in Hungerländern der 3. Welt.

Die Menschen reagieren auf Verunsicherung mit dem Versuch, den Risiken, die sie als Bedrohung empfinden, auszuweichen. Mangels selbstgemachter Erfahrung und geprüftem eigenen Wissen entwickeln sich unzutreffende Vorstellungen von Lebensmitteln.

Die Erwartung absoluter Unschädlichkeit von Lebensmitteln greift Raum, ohne dass eine Wahrnehmung von der Komplexität desselben vorhanden wäre – man denke nur an die Gewürze. Und ständige Attacken auf die natürlichen Rohstoffe führen zur Einbildung, dass synthetische Lebensmittel, die nur noch aus gesunden Einzelbestandteilen zusammengesetzt sind, doch die Gesünderen seien.

Spätestens hier stellt sich auch die Frage nach der medialen Verantwortungsübernahme, denn hier findet in Druck und Funk die Verbreitung bis in den letzten Winkel statt.

Was ist zu tun

Zieht man ein Fazit so ist festzuhalten:

Die Natur kennt keine absolute Sicherheit und jedes Ding hat, wie Paracelsus sagte, auch eine Schadensmöglichkeit. Darum sollen wir realistisch bleiben und unsere natürlichen Lebensmittel nach besten Möglichkeiten nutzen können. Achtsam mit Maß und Ziel. Lebensmittel sind nicht schlecht. Der Mix derselben ist gegebenenfalls ungünstig und dies gilt es für den Alltag zu lernen und zu beherrschen.

Die Lockerung der Bindung an den normalen Lebensmittelgebrauch führt zu Fehlern in der Hygiene und gründet auf rückläufiger Erfahrung mit diesen. Das Wissen insgesamt, die gesicherte wissenschaftliche Erkenntnis und die Gewissheit sind beileibe noch nicht so sicher gegründet, als dass man darauf bauen könnte. Oftmals sind die Beobachtungen der Altvorderen treffsicherer, weil diese auf guter Wahrnehmung, hoher Aufmerksamkeit mit richtiger Schlussfolgerung beruhen. Risiko für die Sicherheit, dass die funktionierende Normalität zugunsten von Ungewissheiten gelöscht wird.

Das eingeforderte absolute Sicherheitsversprechen ist eine Utopie. Vielmehr muss immer noch interessieren, wieso es bisher funktioniert hat und hier mit Frage und Analyse auf den Grund gegangen wird.

Sicherheit und Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen müssen abgewogen sein, ehe man mit der Schelle durch das Dorf rennt, weil die Qualität im weiteren Sinn (s. Anfang) zu berücksichtigen ist. Die Güterabwägung hinsichtlich Nutzen und Zielkonflikten bedarf des Dialoges.

Schließlich ist Information dazu an Verantwortlichkeit gebunden, damit unbegründete Frucht und Angst vermieden werden.

Die große Frage ist, ob unser extremes Sicherheitsbedürfnis Ergebnis des Rückzugs des Menschen aus der Wirklichkeit und aus der Normalität der Natur ist. Entpuppt sich vielleicht das Sicherheitsbedürfnis als Antwort zum Mangel an Mut gegenüber dem ständig Ungewissen, dem Restrisiko des Lebens. Dieses stellt ja ein volles Risiko vom ersten Atemzug an dar.

Kann es sein, das wir uns mittlerweile selbst nicht mehr trauen? Dabei bedeutet Leben auch immer ins Ungewisse zu handeln. Wir sind aus unserer Natur also risikobefähigt- und lernend. Die Natur kennt keine absolute Sicherheit und jedes Ding hat, wie Paracelsus sagte, auch eine Schadensmöglichkeit. Darum sollen wir realistisch bleiben und unsere natürlichen Lebensmittel nach besten Möglichkeiten nutzen können. Achtsam mit Maß und Ziel. Lebensmittel sind nicht schlecht. Der Mix derselben ist gegebenenfalls ungünstig und dies gilt es für den Alltag zu lernen und zu beherrschen.

Im Moment sieht es so aus, dass wir unser Gedärm mit phantastischem Aufwand vor den Gefahren des Verzehrs und der nährenden Natur verteidigen. Und so opfern wir die positive Freiheit der Auswahl dem bürokratisch-politischen Sicherheitsversprechen.

Ökologisch nachhaltig bedeutet: natürlich und von der Natur leben können, in ihr regenerative Kräfte zu stärken, mittels Kreislaufwirtschaft und stetiger Erkenntnis-erweiterung in die Folgenabwägungen des Handels einzutreten.

Der Mensch besitzt doch gar keine andere irdische Welt und diese Normalität beschreibt den Alltag. Das Leben findet auch anlog statt, nacheinander und zu einer Zeit nur an einem Ort.

Darum sollen wir realistisch bleiben und unsere natürlichen Lebensmittel nach besten Möglichkeiten nutzen können. Achtsam mit Maß und Ziel. Lebensmittel sind nicht schlecht. Der Mix derselben ist gegebenenfalls ungünstig und dies gilt es für den Alltag zu lernen und zu beherrschen.

Dr. Ulrich Mautner / Salus GmbH & Co.KG +++

Beitrag teilen:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.